2017 in Erfurt

Unsere Fachtagung wird bei der Landesärztekammer Thüringen als Fortbildungsveranstaltung für Ärzte angemeldet. Es werden für eine Teilnahme insgesamt 16 Punkte der Kategorie A vergeben.

Leithema 2017

 "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit:

Aggression Gewalt Exzess gegen die anderen"

Vorträge

Montag, den 16. Oktober 2017

10:15 Uhr – 11.45 Uhr

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen: Erscheinungsweisen, Ursachen und Gegenstrategien"


Prof. Dr. Kurt Möller,

Hochschule Esslingen - University of Applied Sciences

Abstract

Stimmungsmache gegen vermeintliche Minderheiten und diskriminierende Äußerungen
sind in zahlreichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens präsent. Immer wieder kommt
es auch zu gewalttätigen Vorfällen, und der Zuspruch zu extrem rechten Positionen bis hinein
in die Mitte der Gesellschaft muss Anlass zur Sorge geben. Aber welches Ausmaß haben diese
Phänomene und wie schwerwiegend sind sie in ihren jeweiligen Ausprägungen? Wie lassen sie
sich angemessen erfassen? Woher kommen sie? Und welche Konsequenzen sind daraus für ihre
Bearbeitung zu ziehen? Der Vortrag will Fragen wie diesen Klärungen zuführen.
Er führt dazu zunächst kurz in das Konzept der sogenannten‚ Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit‘ (GMF) ein und präsentiert die Ergebnisse der mittlerweile langjährigen Forschung zu einzelnen GMF-Facetten in Deutschland. Dabei geht es etwa um die Verbreitung von Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homosexuellenabwertung, Islamophobie, Anti-Ziganismus u.a.m. Ausgehend von einer Kritik des GMF-Konzepts und als deren Konsequenz führt er dann in das Konstrukt der Pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen (PAKOs) ein. Er zeigt zentrale Befunde der PAKO-Forschung zu einzelnen Phänomenbereichen auf und markiert dabei wirkmächtige Begünstigungsfaktoren für deren biografische Entstehung, Konsolidierung und weitere Entwicklung. Dabei kann auch auf Befunde eigener Forschungen über Distanzierungsprozesse von Pauschalablehnungen sowie von rechtsextremen Auffassungen und Szenen zurückgegriffen werden.
Die Analyse mündet in Schlussfolgerungen für die Prävention und für den Abbau pauschalisierender Ablehnungshaltungen. Propagiert wird in diesem Zusammenhang eine sogenannte KISSeS-Strategie.

12.15 Uhr – 13.45 Uhr

"Der Umgang der Strafjustiz im Schwurgerichtsverfahren mit Terrordelikten und  ausländerfeindlicher Schwerkriminalität"


VRiLG Uwe Tonndorf,

Landgericht Gera

Abstract

Der Vortrag beschäftigt sich zunächst im Tatsächlichen mit einigen ausgewählten aktuellen
Terrorstraftaten von Islamisten und Rechtsextremisten.
Danach werden die Grundzüge der höchstrichterlichen Rechtsprechung zu den in der Regel
bei derartigen Straftaten einschlägigen Mordmerkmalen der niedrigen Beweggründe, der
Heimtücke und der Tötung mit gemeingefährlichen Mitteln erläutert.
Anhand ausgewählter höchstrichterlicher Entscheidungen wird sodann dargelegt, wie die
Strafjustiz in Deutschland terroristische Straftaten und ausländerfeindliche Schwerkriminalität
ahndet.
In diesem Zusammenhang wird auch darauf eingegangen, ob und in welchem Umfang die
Strafjustiz fremde kulturelle Wertvorstellungen derartiger Täter berücksichtigt.

14.45 Uhr – 16.15 Uhr

„Extremismus und Radikalisierung aus psychopathologischer Sicht.“


Prof. Dr. Henning Saß,

Universitätsklinikum RWTH Aachen

Abstract

Politische wie auch religiöse Einstellungen bei Individuen und Gruppen können in ideologische
Zuspitzungen mit Fanatismus, Radikalisierung und Extremismus führen, wie sich an vielen
Attentaten und Terrorakten in den letzten Jahren gezeigt hat. Anhand von Fallbeispielen aus Vergangenheit und Gegenwart sollen Bedingungsfaktoren für solche Fehlhaltungen dargestellt und psychopathologisch analysiert werden. Großes Gewicht kommt dabei individuellen Dispositionen in der Persönlichkeit der betroffenen Personen zu. Sie stehen allerdings in enger Verschränkung mit biografischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Einflüssen. Die Monstrosität mancher Ereignisse könnte Anlass zu einer vorschnellen Pathologisierung geben, doch gilt es in jedem Einzelfall zu differenzieren zwischen möglicher Erkrankung, massiv gestörter Persönlichkeit und frei verantworteter Entscheidung.

16.45 Uhr – 18.15 Uhr

„Verschwörungsmentalität und Antisemitismus“


Prof. Dr. Roland Imhoff,

Johannes Gutenberg - Universität Mainz

Abstract

Nicht erst seit der Ära Trump erfreuen sich Verschwörungstheorien immenser Beliebtheit in
sozialen Netzwerken: die Erderwärmung ist eine Lüge, der Vatikan ein okkulte Sekte und
unsere Regierenden Rieseneidechsen. Was auf den ersten Blick wie harmlose Spinnerei erscheint,
liefert auf den zweiten Blick Hinweise auf ein Weltbild, in dem alles Negative der Welt
von mächtigen Agenten planvoll herbeigeführt wurde – ein beliebter Topos antisemitischer
Weltdeutungen jeglicher Couleur. Im Vortrag soll es nach einer kurzen Einführung in die quantitativ-empirische Unterscheidung unterschiedlicher Äußerungsformen des Antisemitismus (z.B. sekundärer Antisemitismus, israelbasierter Antisemitismus) um die Frage gehen, welches Weltbild dahinter steckt. Kernthese ist, dass Antisemitismus in der Verschwörungstheorie steckt wie das Gewitter in der Wolke und Menschen sich stabil darin unterscheiden, zu welchem Grade sie die Geschicke der Welt als von dunklen Mächten gesteuert wahrnehmen. Beispiele aus aktueller Forschung sollen zur Diskussion überleiten, ob sich festmachen lässt, an welchem Punkt
Skepsis gegenüber mächtigen Institutionen in ein geschlossenes Weltbild übergeht, von dem
aus es nur ein kleiner Schritt zum antisemitischen Wahn ist.


Dienstag, den 17.10.2017

09:00 Uhr – 10.30 Uhr

„Was macht der Terrorismus mit uns und was machen wir mit dem Terrorismus?“


Prof. Dr. Wolfgang Frindte,

Friedrich Schiller Universität Jena

Abstract

Terrorismus und Antiterrorismus gehören spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts zu den
Markenzeichen einer „dunklen Bedrohung“, die am 11. September 2001 Realität annahm. Für
Giovanna Borradori war der 11. September 2001 die „Apokalypse“; Ulrich Schneckener bezeichnet
ihn als „Superlativ ohne Präzedenz“ und für Jean Baudrillard war das Attentat auf das World Trade
Center gar die „Mutter aller Ereignisse“. Terrorismus und Antiterrorismus besitzen seit Beginn
des neuen Jahrtausends auch die höchsten Nachrichtenwerte in der medialen Berichterstattung.
Das blieb nicht ohne Folgen für die Rezipienten: In der jährlichen repräsentativen Befragung von
deutschen Erwachsenen durch die R+V Versicherung äußerten im Monat vor 9/11 21 Prozent der
Befragten Angst vor dem Terrorismus zu haben; ein Jahr später gaben 36 Prozent an, sich vor dem
Terrorismus zu ängstigen und im Jahre 2003 waren es 58 Prozent. Den höchsten Wert erreichte die Angst der Deutschen vor dem Terrorismus im Jahre 2016 (mit 73 Prozent). Am 19. Dezember 2016 wurde aus der Bedrohung tödliche Realität. Gegen 20 Uhr lenkte ein islamistischer Attentäter einen Lastzug in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Elf Besucher des Weihnachtsmarkts wurden durch den LKW getötet und 55 Personen zum Teil schwer verletzt. Der Lastwagen war zuvor von dem Attentäter überfallen und der polnische Speditionsfahrer von ermordet worden. Die „dunkle Bedrohung“ durch den internationalen und transnationalen Terrorismus hat mittlerweile auch in Deutschland tödliche Wirkungen hinterlassen.
Vor diesem Hintergrund und auf der Grundlage eigener Studien wird im Vortrag nach Antworten
auf folgende Fragen gesucht: Von welchen Vorstellungen lassen sich die Deutschen in der Beurteilung des modernen Terrorismus leiten; inwieweit fühlen sie sich von Terrorismus bedroht und wie gehen sie mit diesen Bedrohungen um? Die Wahrnehmung von zunehmender Terrorbedrohung durch die Bevölkerung deckt sich nicht mit dem Rückgang der Terroranschläge in Westeuropa. Die Frage ist: Warum? Welchen Einfluss haben die klassischen Medien (TV, Radio, Zeitungen) und die digitalen Medien (social media) auf das Bedrohungsempfinden und auf die Einstellungen gegenüber dem Terrorismus? Wie werden der Islam und die Muslime in Deutschland in den Zeiten des Terrorismus beurteilt? Sind Amok und Terror ist vor allem ein Phänomen junger Männer? Welche Interventions- und Präventionsmaßnahmen sind möglich, welche machbar und akzeptabel?

11.00 Uhr – 12.30 Uhr

„Gesunde Religiosität und religiöser Wahn“


Prof. Dr. Joachim Demling,

ehem. Psychiatrische und Psychotherapeutische Klinik, Universität Erlangen-Nürnberg,  Erlangen

Abstract

Der Autor ist Psychiater und Psychotherapeut mit theologischen Interessen, die nachfolgenden Ausführungen beruhen auf klassisch-psychiatrischem Verständnis. Ein Teilgebiet der allgemeinen Psychopathologie ist die Religionspsychopathologie, wie sie insbesondere von deutschsprachigen Autoren (Kurt Schneider- von ihm stammt wahrscheinlich der Begriff-, Hans-Jörg Weitbrecht, Karl Jaspers, Klaus Thomas, Günter Hole und anderen) begründet und erweitert wurde. Formen von Religiosität, die als „abweichend“ einzustufen sind und größtenteils- als dysfunktional- eigenes oder fremdes seelisches Leid verursachen, sollen einerseits gegeneinander, andererseits von „gesundem“, d.h. stärkendem, harmonisierendem und auf sozialem Konsens beruhendem Glaubensleben abgegrenzt werden. Hier spielt auch die „Spiritualität“ eine Rolle. Die angesprochenen Begriffe- wie etwa der religiöse Wahn- werden in der aktuellen Diskussion über abweichende Formen von Religiosität in den Medien und im wissenschaftlicher Diskurs oft unscharf gebraucht. Den kulturspezifischen Referenzrahmen des Vortrages bilden die monotheistischen, vornehmlich die christlich-jüdischen Glaubensformen.

 

13.30 Uhr – 15.00 Uhr

„Religiös legitimierte Menschenfeindlichkeit"


Dr. Martin Hagenmaier, Kiel

Abstract

In Europa konnte man sich lange nicht mehr vorstellen, dass Religion etwas mit Gewalt zu tun
haben könnte. Nun aber leben wir mitten in einer Welt, in der eine Religion für vielfältige Aggressionen gegen Ungläubige benutzt wird. Die Reaktion der Mehrheit in den Religionen lautet
unisono: „Diese Aggression hat mit Religion nichts zu tun.“ Islamistischer Terror wird dagegen
ausdrücklich weiterhin mit dem Koran bzw. dem Islam begründet und kann sich dazu auf bestimmte Sätze des Koran stützen.
Kann also Aggression gegen Mitmenschen religiös begründet werden und wo finden sich gegebenenfalls die Belege? Was so aussieht, als müsse es im Koran gesucht werden, findet seinen
eigentlichen Ursprung im Alten und Neuen Testament. Dort werden heftige Gewaltsszenarien
überliefert, die in den heutigen islamistischen Begründungen für die Gewalt gegen Ungläubige
wieder auftauchen, allerdings meist in ihrer koranischen Form.
Der Islamismus läuft in seiner einfachen Form darauf hinaus, dass nur Rechtgläubige überhaupt
ein Lebensrecht haben, während andere zurecht getötet werden können oder gar müssen:
„Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah und seinen Gesandten und sich bemühen,
auf der Erde Unheil zu stiften, ist indessen (der), dass sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden,
oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden, oder dass sie aus dem
Land verbannt werden. Das ist für sie eine Schande im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie
gewaltige Strafen,…“ (Koran 5,33).
„Und kämpft auf Allahs Wegen gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet
nicht! Allah liebt nicht die Übertreter. Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft und vertreibt
sie, von wo sie euch vertrieben haben, denn Verfolgung ist schlimmer als Töten! Kämpft jedoch
nicht gegen sie bei der geschützten Gebetsstätte, bis sie dort (zuerst) gegen euch kämpfen.
Wenn sie aber dort gegen euch kämpfen, dann tötet sie. Solcherart ist der Lohn der Ungläubigen.
Wenn sie jedoch aufhören, so ist Allah Allvergebend und Barmherzig. Und kämpft gegen
sie, bis es keine Verfolgung mehr gibt und die Religion (allein) Allahs ist. Wenn sie jedoch aufhören, dann darf es kein feindseliges Vorgehen geben außer gegen die Ungerechten.“ (Koran 2,
190-193).
Wer sich unterordnet, gegen den richtet sich keine Aggression. Aber alles Kämpfen und Töten
soll nicht im Übermaß, was immer das ist, geschehen.
Im christlichen Bereich hörte es sich zu Zeiten ähnlich an. In seiner Fürstenpredigt sagte der als
„Schwärmer“ ausgeschiedene Weggefährte der Reformation Thomas Müntzer: „Ein gottloser
Mensch hat kein Recht zu leben, wo er die Frommen behindert ... wie uns essen und trinken
ein Lebensmittel ist, so ist es auch das Schwert, um die Gottlosen zu vertilgen.“ (Fürstenpredigt
am 13.7. 1524).
Das ‚Wir gegen die anderen’ der Religionen ist hier als eine Feindlichkeit gegen alle begründet,
die etwas anderes glauben. Liebe oder Mitmenschlichkeit gilt nur den Gleichgläubigen. „Der
Samenkern religiös motivierter Gewalt liegt im Universalismus der Gleichheit der Glaubenden,
die den Nichtglaubenden entzieht, was sie dem Glaubenden verheißt: Mitmenschenwürde,
Gleichheit in einer Welt von Fremden. "… Alles Sein hängt an der individuellen Entscheidung
zum Glauben, alles Nicht-Sein an der Entscheidung dagegen.“ (Ulrich Beck, Der eigene Gott,
2008, 77).
Diese Denk- und Glaubensweisen von Religion können – wie man sieht – durchaus zur extremen
Gewalttätigkeit führen, können aber auch überwunden werden, wie es unter schweren
theologischen Auseinandersetzungen im Christentum geschehen ist, aber sich auch im Islam
abzeichnet.

15.30 Uhr – 17.00 Uhr

„Disorder, (Un-)Sicherheit, (In-)Toleranz“


Prof. Dr. Joachim Häfele, Polizeiakademie Niedersachsen

Abstract

Der Vortrag knüpft an einen 2016 veröffentlichten Beitrag zu dem Thema „Disorder, (Un)Sicherheit, (In)Toleranz“ an. Im Mittelpunkt wird die empirische Überprüfung des Disorder-Modells zur Erklärung kriminalitätsbezogener Unsicherheitsgefühle stehen. Ähnlich der Broken-Windows-These wird innerhalb dieses Modells u. a. ein indirekter Zusammenhang zwischen abweichenden Situationen im Stadtteil und Kriminalitätsfurcht vorhergesagt. In den entsprechenden Mehrebenenanalysen werden auch Dimensionen des lokalen Sozialkapitals und der Armut berücksichtigt, sodass auch zentrale Annahmen weiterer aktuell viel diskutierter  Kriminalitätsfurchtansätze (Generalisierungsthese, Sozialkapitalansatz)  geprüft werden können. Da für das sukzessive Verschwinden von Stadt als Möglichkeitsraum auch wachsende Sensibilitäten gegen als störend oder gefährdend wahrgenommene Ungebührlichkeiten maßgeblich sind, werden auch Ergebnisse zu den Determinanten der Perzeption und Problematisierung abweichender Situationen in urbanen Räumen vorgestellt. Schließlich wird der Zusammenhang zwischen urbanen Disorder-Phänomenen, Kriminalitätsfurcht und (In)Toleranzen anhand der vorliegenden Ergebnisse diskutiert.

 

Zwischen den Vorträgen sind jeweils halbstündige Kaffee- bzw. einstündige Mittagspausen vorgesehen, in welchen wir Sie einladen, sich am Buffet zu stärken und in den interdisziplinären Diskurs zu treten.


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Aktueller Faltflyer
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Abstractband 2017
Broschüre 2017.pdf
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